
Selbstbestimmte Schwangerschaft und Geburt: wie sie uns stärken und was sie mit Feminismus zu tun haben
In diesem Gastartikel schreibt Nadine Birner, feministische Doula und Coachin, darüber, wie wir diese besonders vulnerablen Zeit in gutem Selbstkontakt aktiv gestalten können – jenseits von patriarchalen Klischees.
Was bedeutet Selbstfürsorge in der Schwangerschaft?
Jegliche Form von Selbstfürsorge setzt zunächst einmal einen einigermaßen stabilen Selbstkontakt voraus – also ein Spüren und Wissen um meine Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen. Das ist nicht immer gegeben. Es ist geprägt von unserer Sozialisation und unseren bisherigen Lebenserfahrungen, kann aber erlernt werden und nachreifen. Für mich ist das die Basis von Selbstfürsorge.
Darauf aufbauend stehen dann Fragen wie: Was tut mir gut? Was brauche ich? Was wünsche ich mir? Das kann sehr unterschiedlich sein, wobei ich es wichtig finde, die Basics (die oftmals gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden) zu unterschätzen: regelmäßige Mahlzeiten, Pausen, Bewegung und Austausch mit vertrauten Personen. Darauf lässt sich dann alles Weitere ganz individuell bauen.
Viele von uns denken bei Selbstfürsorge (auch wegen der verbreiteten „Self-Care“-Assoziation) sofort an Spa-Tage, Massagen, Urlaube oder größere Auszeiten vom Alltag. Dabei geht es in der Schwangerschaft, und eigentlich generell, genauso um die kleinen, alltäglichen Routinen: Sie sind für mich die Grundpfeiler guter Selbstfürsorge. Lieber in regelmäßigen Dosen, als als einmaliges Großprojekt.
Wie realistisch ist eine selbstbestimmte Schwangerschaft und Geburt?
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Erstens geht es für mich um ein verkörpertes Selbstverständnis:
Ich, die schwangere Person, bin die Protagonistin, ohne mich läuft hier nichts. Das klingt simpel, ist aber im Alltag oft das Gegenteil von dem, was Schwangere erleben. Genau deshalb übe ich das mit meinen Klient:innen immer wieder: sich als agierende Verantwortungsträger:innen zu sehen, nicht als reagierende Objekte, die sich von Terminen, Normen und „Das macht man halt so“ treiben lassen.
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Zweitens gibt es Bedingungen, die Schwangere tatsächlich mitgestalten können, nicht als Kontrolle über alles, sondern als aktive Verantwortung:
Wissen aufbauen, Informationen einholen, Fragen stellen, Prioritäten klären, Verbündete organisieren. Welche Vorsorgeuntersuchungen will ich – und warum? Welche Begleitung brauche ich? Welche Wünsche und Grenzen habe ich für die Geburt – und wie formuliere ich sie so, dass sie im System überhaupt ankommen? Selbstbestimmung bedeutet hier: den eigenen Handlungsspielraum bewusst dehnen und Entscheidungen nicht „passieren lassen“, sondern gestalten und tragen.
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Drittens gibt es Bedingungen, auf die Schwangere wenig bis gar keinen Einfluss haben. Hebammenmangel, Personallücken, Zeitdruck, Hierarchien, Klinikroutinen, wechselnde Ansprechpartner:innen, medizinische Dynamiken – all das liegt nicht in der Hand der Schwangeren.
Wer so tut, als könne man das alles wegvorbereiten, macht Selbstbestimmung zu einem unrealistischen und schuldproduzierenden Leistungsprojekt. Für mich ist Selbstbestimmung in Schwangerschaft und Geburt dann realistisch, wenn sie nicht als totale Kontrolle missverstanden wird, sondern als Anspruch auf Handlungsspielraum, informierte Zustimmung und respektvolle Begleitung im jeweiligen Kontext.
Wie können wir Selbstoptimierung durchschauen?
Bei Selbstfürsorge in der Schwangerschaft geht es für mich nicht um Selbstoptimierung. Ich muss mir keinen Druck aufbauen und mich in irgendwelche Korsetts zwängen. Wenn ich mich bewegen möchte, dann tue ich das, weil es mir gut tut, weil es mich stabilisiert – nicht, weil ich Kalorien tracken, irgendeinen Trainingssoll erfüllen, oder meinen „After baby body“ schon in der Schwangerschaft im Blick haben muss.
Und auch nach der Geburt gilt für mich: Selbstfürsorge meint das Gegenteil von Leistungsdruck und Selbstoptimierung. Sie bedeutet, mich selbst mögen zu lernen und mich so nehmen zu können, wie ich bin, auch in Veränderung. Es geht nicht darum, nach der Geburt so schnell wie möglich wieder so auszusehen wie vorher.
Diese Idee, dieser ganze „After baby body“-Talk, ist eine patriarchale Norm, die Maß anlegt und Disziplin verlangt, als wäre ein Körper nach Schwangerschaft und Geburt vor allem ein Problem, das man wieder in Form bringen muss. Dazu habe ich auch einen Blogartikel geschrieben: „After baby Body – wie ein Modebegriff sexualisierte Gewalt normalisiert.“
Selbstfürsorge heißt für mich im Kern: Herausfinden, was mich stärkt – und es dann so zu gestalten, dass es in mein echtes Leben passt. Abseits von patriarchalen Korsetts und Klischees.
Was hilft, die emotionale Achterbahnfahrt rund um Schwangerschaft und Geburt zu verarbeiten?
Es ist sehr hilfreich, erstmal in die Akzeptanz zu kommen: Da sind super viele Emotionen und Gefühle, manchmal alles auf einmal oder schnell hintereinander oder immer im Wechsel: Ich bin euphorisch und eine Minute später bin ich zu Tode betrübt. Mich regt alles auf, mich kotzt alles an, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, ich bin verzweifelt. Ich ich find’s super, das ist das Beste, was ich je erlebt habe. Geht so, nicht prickelnd, aber auch nicht schlecht, so la la. Das ist alles da und darf auch alles sein.
Schwangerschaft bringt ein breites Spektrum an Emotionen mit. Das ist nicht nur rosarote Brille und dieses romantisierte Bild von: „Schön, jetzt bist du schwanger, Lebenswunsch und Lebensaufgabe erfüllt, jetzt ist alles super.“ Nein, so eindimensional ist es selten. Und wenn es bei dir (auch) leicht und schön ist, ist das wunderbar.
Aber wenn es sich zwischendurch oder über längere Strecken schwer, fremd, überfordernd oder schlicht schrecklich anfühlt, ist das überhaupt nicht unnormal und erstmal kein Grund zur Beunruhigung. Eine Schwangerschaft wirbelt viel durcheinander: Fragen und Unsicherheiten über den Körper, den Alltag, das eigene Selbstverständnis und den Blick auf die Zukunft tauchen plötzlich mit hoher Intensität auf.
Und was stärkt dann? Für mich vor allem das: Wir müssen nicht alles mit uns selbst ausmachen und nicht alles alleine schaffen. Das funktioniert in vielen Situationen einfach nicht. Wir brauchen andere Menschen, zum Anlehnen, zum Mittragen, zum Entlasten.
Das ist keine Schwäche, sondern ein sehr kluges, sehr menschliches Bedürfnis.
Also: Hol dir Unterstützung!
Wie können wir Ratschläge besser einordnen und Grenzensetzen?
Ich glaube, das ist selten ein Thema, das erst in der Schwangerschaft auftaucht. Schwangerschaft macht es nur präsenter, weil das eine sehr sensible und vulnerable Lebensphase ist und weil der Körper schwangerer Menschen gesellschaftlich nochmal anders vermessen, kommentiert und kontrolliert wird. Plötzlich fühlen sich viele berechtigt, mitzureden: beim Essen, beim Sport, beim Schlafen, bei Diagnosen, beim Geburtsplan, als wäre dein Körper ein Gemeinschaftsprojekt.
Deshalb ist geübter Selbstkontakt so wichtig: Grenzen früh zu spüren, sie auszusprechen und sie dann auch zu hüten. Das braucht Übung, weil viele von uns schnell in Rechtfertigungen und Erklärungen kippen, obwohl es die oft gar nicht braucht, denn „Nein“ z. B. ist auch ein ganzer Satz.
Und das ist nichts, was nur für die Schwangerschaft hilfreich ist. Diese Fertigkeiten werden auch nach der Geburt gebraucht, denn die ungefragten Ratschläge hören dann nicht einfach auf. Wie man stillt, wie man trägt, wie man schläft, was „richtig“ ist beim Essen oder bei der Erziehung: Leute werden immer eine Meinung haben.
Was ich konkret empfehle:
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Nicht jede Meinung als Aufgabe behandeln
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Auswählen, von wem du Feedback annimmst
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Gespräche auch abrupt und ohne Entschuldigung beenden
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Mehr Blick zu dir, weniger auf das Gegenüber
Warum spielt Beziehungsarbeit eine so wichtige Rolle in der Begleitung von Schwangeren?
Beziehungsarbeit ist für mich in der Schwangerschaft so wichtig, weil Schwangerschaft fast automatisch eine Schieflage erzeugt. Die schwangere Person geht zu Vorsorgen, organisiert Hebamme und Nestbau, beschäftigt sich mit der Geburt und dem Leben danach.
Die andere Person kann sich vergleichsweise leicht ausklinken, weil die Veränderung in ihrem Leben erstmal weniger sichtbar und spürbar ist. Genau darin liegt ein großes Missverständnis und es ebnet den Boden für eine ungleiche Verteilung von Care-Arbeit, die dann spätestens im Wochenbett so richtig reinkickt.
Ich möchte, dass wir das früh sichtbar machen und neu verteilen: Verantwortung, Organisation, emotionale Arbeit. Schwangerschaft ist ein Marathon, eine körperliche und mentale Höchstleistung.
Die Person, die „mit im Boot“ sitzt, soll aktiv mittragen und das heißt auch ganz praktisch:
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Termine mitorganisieren
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Geburtsplan mitgestalten
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Unterstützungsnetzwerk aufbauen
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proaktiv in die Planung für ein Leben mit Kind einsteigen
... statt nur zu „unterstützen“, wenn etwas gefragt wird.
Und dann kommt noch ein Aspekt, den viele unterschätzen: Elternwerden ist nicht nur ein logistisches Projekt, sondern ein Beziehungsthema. Da verändert sich Identität („Ich werde Mutter / Vater / Elternteil“), da verschiebt sich das Bedürfnis nach Nähe und Distanz, Verantwortungsgefühl, Care-Arbeit. Wenn wir darüber sprechen, bevor das Baby da ist, kann Verbundenheit wachsen und Dauerkonflikten kann präventiv begegnet werden.
Und wir können breiter denken als die Kleinfamilie: Welche Menschen sind unser Netz, wer trägt mit, wer darf unterstützen? Eine Elternschaft auf vier Schultern ist schon eine große Aufgabe, mit einem guten „Dorf“ wird sie nicht perfekt, aber deutlich weniger einsam. Auch hierzu gibt es einen Blogartikel von mir, für alle, die sich mehr einlesen möchten: “Equal Care: Schon in der Schwangerschaft darüber sprechen!”
Was ist eine feministische Doula?
Ich beschreibe mich als feministische Doula, weil Schwangerschaft und Geburt nicht im luftleeren Raum stattfinden. Sie sind in ein sozio-kulturelles System eingebettet, das nicht neutral ist. Da gibt es Machtverhältnisse, Rollenbilder, Erwartungen und Ungleichheiten und die wirken ganz konkret: in Vorsorgegesprächen, in der Art, wie über Risiken gesprochen wird, in der Frage, wessen Schmerz ernst genommen wird, wie Entscheidungen zustande kommen und wie Selbstbestimmung überhaupt verhandelt wird.
Feministisch begleiten heißt für mich nicht, dass ich meine Klientinnen mit Ideologien zutexte, sondern dass mein feministischer Hintergrund mein Rückgrat für meine Begleitungen ist: Ich vermittle dir, dass du wichtig bist, dass deine Erfahrung richtig ist und zählt und zwar innerhalb der Strukturen, in denen du dich bewegst. Ich helfe dir, das „Biotop“ aus Erwartungen, Normen und Machtverhältnissen zu erkennen und darin selbstwirksam zu navigieren, mit mehr Klarheit und mehr Handlungsspielraum.
Und noch ein Punkt, der mir wichtig ist: Feministisch begleiten heißt auch solidarisch agieren. Schwangerschaft und Geburt werden oft als Privatvergnügen erzählt, das man „halt irgendwie hinkriegen“ muss, und bitte ohne Beschwerden, es sei ja „eine der schönsten Erfahrungen im Leben“.
Ich halte dagegen und sage: Du musst das nicht allein können. Unterstützung zu wollen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von kluger Fürsorge. Feministische Doula-Arbeit bedeutet für mich Verbündete sein in einem sensiblen Lebensabschnitt, mit Wärme, Klarheit, Haltung und Liebe, oder anders gesagt:
I care for you.
Nadine Birner
ist feministische Doula und Coachin.
Sie begleitet Menschen, für die sich der konventionelle Weg durch Schwangerschaft und Geburt nicht stimmig anfühlt – die spüren, dass es auch anders gehen muss. Ihre Arbeit stärkt Selbstbestimmung, verbindet das Private mit dem Politischen und schafft Räume, in denen Schwangere und Gebärende sich sicher, verstanden und gestärkt fühlen.
Nadines Website: https://nadinebirner.com/
Ihr Blog zum Weiterlesen: https://nadinebirner.com/blog/


Ich bin Stefanie
Gitarristin, Diplom-Musikpädagogin und Resonanzlehrerin
Ich vermittle Eltern, Musik wie eine Muttersprache an ihre Kinder weiterzugeben – und begleite musikbegeisterte Erwachsene dabei, flüssig, sicher und frei zu musizieren, wenn sie diese Chance in der Kindheit nicht hatten. Mehr zu meiner Arbeit …




