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Frei Musizieren lernen: Schwierigkeiten und Chancen des Improvisierens

Sich ans Instrument setzen und einfach drauflos spielen können: Für viele ist das ein Traum, der sich trotz Musikunterricht nie erfüllt. „Spiel nicht herum, üb richtig“, haben viele von uns gehört. Was Improvisation so erschwert und wie man sie lernen kann auch ohne ein Genie zu sein, darüber schreibe ich hier.

Einfach mal die Zeit vergessen, loslegen ohne über Hürden nachzudenken, sich frei ausprobieren – Spielen ist entspannend, macht das Lernen effektiv und dazu auch noch glücklich. Leider nimmt es im Erwachsenenalltag und auch im Musikunterricht oft noch viel zu wenig Raum ein. 

Doch in den letzten Jahrzehnten ist das Bewusstsein in der Musikpädagogik gewachsen, dass freies Musizieren und Improvisieren als spielerischstes Instrumentallernen ein wesentlicher Bestandteil von gutem Musikunterricht sein sollte.

Folgende Ansätze gibt es.

1. Einfach drauflos: Freie Improvisation

Das sogenannte „Elementare Instrumentarium“ macht es möglich, sich ohne technische Hürden an Instrumenten auszuprobieren. Das gleiche gilt natürlich auch für die Stimme. Kategorien wie falsch und richtig sind hier tabu. Jeder spielt und singt wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

 

Diese freie Improvisation ist äußerst integrativ, denn jeder kann mitmachen. Egal welche Vorkenntnisse, egal ob körperlich oder mental eingeschränkt oder nicht. Angebote dazu gibt es immer mehr: für Kinder im Rahmen der musikalischen Früherziehung schon länger, für Erwachsene z.B. als Stimm-Impro-Kurs oder für Senioren und Menschen mit Behinderung: also in Angeboten der „elementaren Musikpädagogik“.

2.  Freiheit mit Einschränkung

Einfach drauflos? Das klingt doch dann aber beliebig, werden jetzt manche einwenden. Klar. Wer eine abendländisches Tonsystem und Meisterwerke der vergangenen 500 Jahr im Ohr hat, der wird ein „falsch und richtig“ wahrnehmen. Einfach drauflos zu spielen kann dann zwar befreiend, aber dennoch unbefriedigend sein.

 

Wer sich einem klassischen Ideal annähern möchte, greift dann häufig auf ein Improvisieren nach Skalen zurück: Einen vorher festgelegten Tonvorrat in dem man sich selbstbestimmt bewegen darf. Ein Improvisieren, bei dem einige Griffe „erlaubt“ sind, andere nicht. Jetzt klingt es „richtig“ – solange man nicht daneben greift. 

3. Frei musizieren wie eine Muttersprache

„Das löst das Problem doch nicht im Kern!“, entgegnen andere. Denn genau wie beim Abspielen erster Kinderlieder oder klassischer Meisterwerke muss ich doch auch wieder aufpassen, dass ich die richtige Taste drücke. Auch das führt zu einem rein motorischen Überwachen von richtig und falsch. Dafür muss es doch eine pädagogische Lösung geben ohne ein „einfach mehr Üben“ oder „der eine kann es halt, der andere nicht“!

 

So entstand das „Prinzip Muttersprache“ in der Musikpädagogik: Denn wenn ich weiß, was ich ausdrücken möchte, muss ich mir nur noch Wege dafür suchen – und kann selbst beurteilen, wie nah ich meinem Ziel schon bin. Dieser Ansatz bringt beides zusammen: Freiheit nicht von, sondern in einem abendländischen Tonsystem: Weil er uns über Gehörbildung zu innerer Sicherheit mit Tönen verhilft, so wie wir in unserer Muttersprache auch intuitiv grammatisch richtig sprechen. 

Das Problem "Sound before Sign"

 

Lange Zeit wurden Instrumente nach einem Prinzip vermittelt, das dieses selbstbestimmte Erforschen nicht eben fördert: nämlich als vorwiegend motorisches Abspielen von Notenzeichen. Wir lesen erst, dann hören wir. Und irgendwann entsteht – vielleicht – die sogenannte Klangvorstellung bevor wie die Taste oder Saite drücken.

 

Das liegt nicht nur an leistungsorientiertem Fokus auf klassische Meisterwerke, sondern auch an ungünstigen Strukturen: 30 Minuten-Einheiten je Woche sind einfach wahnsinnig wenig. Wer würde in dieser Zeit Lesen und Schreiben lernen?

Unserem ersten Unterricht in der Schule geht aber in der Regel auch noch ein jahrelanges außerschulisches Lernen unserer Muttersprache im Alltag voraus - also Lernen durch Hören, Nachahmen und Kommunikation

 

Dieses informelle Lernen ohne Erwartungsdruck und Hausaufgaben vor dem ersten Schulunterricht fehlt aber im Musikbereich vielen Kindern – einfach weil zu Hause kein singendes und musizierendes Umfeld mehr gibt.

 

Doch um Ausdrucksfreiheit wie bei einer Muttersprache zu lernen bräuchte es genau das: Viel Hören, bevor ich Lesen muss. Damit müssen MusiklehrerInnen umgehen und pragmatische Lösungen finden.

Sound before sign:
Erst "musikalisch sprechen", dann Noten lesen lernen

Lernprinzip: Sound before sign.png

Selbstbestimmt Musizieren: Unser innerer Beethoven

Dieses innere Hören ist das, was es Beethoven ermöglichte weiter zu komponieren, als er bereits taub war. Wir hören Musik in uns, auch wenn sie gar nicht klingt. Dafür müssen wir keine Genies sein. Im Bereich der Sprache würdest du an dieser Fähigkeit auch nicht zweifeln. Natürlich denkst und träumst du in deiner Muttersprache, auch wenn du stumm bleibst.

 

Dies im Bereich der Musik effektiv zu vermitteln – in jedem Lebensalter – ist Ziel der Musikpädagogik nach dem amerikanischen Musikpädagogen Edwin Gordon. Er entwickelte in den 1970ern ein Wort für diese Fähigkeit, die sogenannte „Audiation“, und eine pädagogische Theorie, um genau diese Fähigkeit zu trainieren. 

 

Obwohl dieser Ansatz schon seit mehr als 20 Jahren in Deutschland bekannt ist, ist es unter deutschen MusiklehrerInnen noch keine Selbstverständlichkeit, dieses Wissen im Unterricht zu berücksichtigen. Auch mein eigener Unterricht verlief nicht so – weder als Kind, noch in den ersten Jahren meiner eigenen Lehrerinnentätigkeit. 

Die Unzufriedenheit damit – damals wie heute – spornt mich an, neue Wege zu gehen.

Muttersprache Musik: Wie sieht das konkret aus?

 

  1. Erst hören, dann erfinden: Ohren nehmen alles auf, auch wenn wir nicht sofort mitmachen können. Wir würden ja auch mit Babys nicht nur in Babysprache sprechen. Je mehr, je vielfältiger wir hören, desto reicher wird unser Musikvokabular sein. Und das in jedem Alter. Musik für Kinder muss also nicht "kindisch" sein.
     

  2. Antworten, nicht nur vormachen: Bald schon werden wir die ersten „Brabbelversuche“ machen. Wenn uns nun jemand antwortet, einordnet und reagiert, statt zu korrigieren, lernen wir, unserem Ausdruck Sinn zu geben. Sinnvolles Improvisieren entsteht als Wechselspiel – nicht reproduzierend.

 

3. Kreativ mit Musikbausteine: Das Spiel mit Bauklötzen gilt aus anregend für die Kreativität. Genauso ist es auch in der Musik. Wir nutzen das Baustein-Prinzip, sogenannte Musik-Patterns, mit denen von Anfang an selbständig musiziert werden darf. Auch im Erwachsenenalter. So reift unser musikalisches Gehör im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch.

Muttersprache Musik: Mein Eltern-Musikkurs für Schwangerschaft und Elternzeit

“Nach schlechten Erfahrungen mit Geigenunterricht in meiner Kindheit, habe ich für mich wieder ein intuitives Gespür für Musik bekommen – das ich so nun weitergeben kann.
 
Das eröffnet mir und meiner Tochter eine ganz neue Welt, einen neuen Blick auf Musik. Es war für mich ein Unlearning von allem, was ich über Musiklernen dachte.”

Berit, Mutter von Tochter, 2 Jahre

Frei von Verkrampfung

Ein rein motorisches Musizieren ohne inneres Hören kann auch in eine körperliche Verkrampfung beim Spielen von Instrumenten führen. Denn wir benötigen viel mehr Wiederholungen, bis wir Musik verinnerlicht haben und unser Körper sie zuverlässig ausführt, wenn wir nur Symbole abgreifen. ​

Hörfähigkeit, Notenschrift und Handhabung des Instruments gleichzeitig lernen zu müssen kann überfordern und genauso in eine Verkrampfung führen.

Die Reihenfolge:
1. Hören und mit der Stimme ausdrücken
2. Am Instrument umsetzen lernen und dann erst
3. Notenschrift verknüpfen

ist daher auch körperlich befreiend. ​​

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Ich bin Stefanie,
Gitarristin, Diplom-Musikpädagogin und Resonanzlehrerin

Ich begleite musikverbundene Erwachsene dabei, selbstbestimmt zu musizieren – und ihr musikalisches Gehör an ihre Kleinkinder weiterzugeben.

Denn Anspannung und technische Hürden haben mich lange gehemmt und dazu angetrieben, neue Wege des Musiklernens zu suchen. Heute weiß ich, dass es keine Frage von Begabung oder harter Arbeit ist. Mehr dazu

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