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Frauenpower ohne Korsett – Wie Resonanzlehre eine Musikerin boostet

Aktualisiert: 9. Apr.

Als mir die Oboistin Anna* in ihrer ersten Resonanzlehre-Stunde ihre Geschichte erzählt, sehe ich eine ehemalige Mitstudentin vor mir, die mich auf dem Weg zur Musikhochschule auf dem Fahrrad überholte - mit ihrem Kontrabass auf dem Rücken. Warum es Frauen manchmal schwerer haben, ein Instrument zu lernen – ein Erfahrungsbericht. *Name redaktionell verändert.



Eine Flötistin und eine Geigerin spielen zusammen

Inhalt




Anna, eine junge Profi-Musikerin und Musiklehrerin, findet mein Angebot zufällig über eine gemeinsame Kollegin. Sie berichtet, wie ihr renommierter Musikprofessor an einer Musikhochschule seine Faust in ihre Flanke gedrückt habe. Während des Oboe-Spielens sollte sie mit aller Kraft dagegen stemmen.


Heute kämpft sie mit starken Verspannungen, Schmerzen und Hemmungen beim Musizieren.


Als Frau musste ich mich immer beweisen“, erzählt sie mir. „Wer nach dem Spielen nicht k.o. war, der hatte einfach nicht mit genug Engagement gespielt.“


Mit Resonanzlehre gegen Schmerzen spielen


Mit ihren Schmerzen und Verspannungen beim Musizieren ist Anna nicht alleine. Während meiner Ausbildung zur Resonanzlehrerin wurde mir klar, wie verbreitet das Problem unter studierten klassischen Musikerinnen und Musikern ist.

An mehreren deutschen Musikhochschulen sind in den letzten Jahrzehnten Anlaufstellen für Musikergesundheit entstanden. Als Auslöser gilt hoher Leistungsdruck und einseitige Belastung.


Doch das Problem ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein pädagogisches. „Ich kann Ihnen schon Schmerzmittel verschreiben. Aber um langfristig schmerzfrei zu sein, müssen Sie Ihr Spiel hinterfragen.“ Mit diesem Satz eines Arztes begann auch meine eigene Suche nach einer neuen Herangehensweise ans Musizieren: achtsamer, körperorientierter und ja – auch musikalisch-künstlerisch ausdrucksstärker. 


Wie Verspannungen beim Musizieren entstehen


Die Verzweiflung darüber, ihr Potenzial nicht richtig ausschöpfen zu können, ist Anna deutlich anzumerken. Schon während des Einspielens merke ich, wieviel Druck sie aufbaut. Ihr Oberkörper bleibt mein Spielen beinahe statisch, die Knie durchgestreckt. Ihr Klang wirkt eng und gepresst.


Oboe zu spielen verlangt SpielerInnen einiges ab, das ist mir bewusst. Durch das dünne Rohblatt geht nur wenig Luft. Es ist eine fragile Balance, die richtige Mischung aus Lippen- und Kieferspannung zu finden.


Anna quält sich deutlich hörbar. Ihre Atemnot kann ich körperlich mit ihr spüren. Sie ist in einem Korsett aus jahrelangen ungünstigen Anweisungen gefangen.


Orchestermusiker bei der Probe

Endlich ohne Schmerzen spielen


Wie wichtig die körperliche Bewegungsbereitschaft auf Klang ist, merkt sie, als sie eine 2m lange Holzstange durch den Raum bewegt. Es ist das Gewichtsspiel, den Mobile-Effekt, den sie dann auf ihren Körper anwendet. Während des Spielens beginnt sie, den Oberkörper zu pendeln und zu drehen, schließlich mischen wir kleine Drehbewegungen der Beine dazu. 


So einfach die Bewegungen auch erscheinen, so ungewohnt sind sie für Anna. Doch der Klang wird langsam freier und ich merke, dass auch Anna es spürt. 


Freien Atmung - darum ist sie so wichtig


Dann ein Versuch: Wie wäre es, einfach mal nur bis dahin zu spielen, wohin ihr Atem mühelos ausreicht? Wenn sie dort nachatmete, wo ihr Körper es braucht? Ein musikalischer Supergau in den Augen ihres ehemaligen Musikprofessors vielleicht.

 

Doch der klangliche Effekt ist gewaltig. Sie nickt. „Ja, das ist es, so möchte ich spielen!“


Wir gehen noch eine Schritt weiter: Wie fühlt es sich an, wenn das Nachatmen einmal so lange dauern dürfte, dass kein Zeitdruck entsteht. Auch wenn das 3 Minuten wären?

Die Atempause, die sie sich jetzt nimmt, wird nur wenige Sekunden gedauert haben. Doch für ihren Körper ist die Erlaubnis zur freien Atmung der Durchbruch.  


Das Korsett fällt endlich von ihr ab. Anna erinnert mich in diesem Moment an Hans im Glück kurz nachdem er seinen Mühlstein in den Brunnen warf. Sie nickt und ihre Augen strahlen. 


Hemmendes pädagogisches Verhalten hinterfragen


In der allgemeinen Pädagogik ist die Erkenntnis schon weit verbreiteter Mainstream: Veraltete pädagogische Glaubenssätze können ziemlich viel Schaden anrichten.

Eine breite Allianz aus PädagogInnen arbeitet daran, mit neuen Studien über bindungs- und beziehungsförderlichem Verhalten pädagogisches Arbeiten auf eine neue Basis zu stellen. 


Einer neue Elterngeneration ist das Hinterfragen eigener Denk- und Handlungsmuster gegenüber ihren Kindern ein hoher Anspruch.


Doch diese Art der Selbstreflexion ist in der Musikpädagogik weit weniger verbreitet.


Was angehende MusiklehrerInnen und MusikerInnen an deutschen Musikhochschulen lernen, hatte damit meiner Erfahrung nach über Jahrzehnte ziemlich wenig zu tun. Das Credo lautet: Viel hilft viel. Und wer begabt ist, hat Pädagogik ja auch eigentlich nicht nötig. 


Es gibt Unterschiede – natürlich. Doch Künstlerkult und die Last einer männerdominierten Musiktradition haben ihre Spuren in der Musikausbildung hinterlassen. Das hemmt alle Betroffenen, egal welchen Geschlechts. Doch Frauen trifft es in besonderer Weise. MeToo hat 2018 auch Musikhochschulen, besonders die Hochschule für Musik und Theater München, erschüttert.


Neue musikpädagogische Werte


Ganzheitliche, zeitgemäße Ansätze, die körperliche, aber auch mentale Blockaden einbeziehen, sind ansatzweise vielleicht in der Elementaren Musikpädagogik angekommen – nicht aber, wenn es um musikalische Leistungen im Instrumentalunterricht oder der Ensemblearbeit geht.


Das Ergebnis sind LehrerInnen, die einzelne Schützlinge bitten, beim Chorkonzert einfach nur stumm den Mund zu bewegen, anstatt sie in ihren Fähigkeiten wirklich zu unterstützen.

Oder eben Dozenten die Ihren Studierenden die Faust in die Flanke drücken. 


Was ich Anna noch mitgeben möchte, ist Vertrauen. Vertrauen darin, dass sie mit ihren Verspannungen umgehen lernt, wenn sie auf resonanzreichen Klang und freie Atmung hin übt.


„Es gibt Hoffnung“, sagt sie am Ende und lächelt. 


 

Resonanzlehrerin Stefanie Böhm

Ich bin Stefanie, Diplom-Musikpädagogin, Resonanzlehrerin und Redakteurin. Neben meiner Arbeit mit Eltern begleite ich auch Profi-MusikerInnen, die ohne Schmerzen und Verspannungen spielen und ihren Körper für mehr Freiheit am Instruemtent nutzen wollen. Kontaktiere mich gerne zu einem kostenfreien Erstgespräch, wenn du mich kennenlernen möchtest.

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